Rennes

Der Tag beginnt entspannt, mal abgesehen von dem rattenartigen Hund, der mich im Zelt ankläfft. Das Herrchen entschuldigt sich, ist aber nicht in der Lage das Tier unter Kontrolle zu bringen. Wie ich das liebe, wenn der Hund das Herrchen ist und unbeteiligte Dritte das ausbaden dürfen. Das kommt so übertrieben häufig vor, dass ich an dem Punkt manchmal schon etwas dünnhäutig bin. Ich bin halt einfach viel draußen 😅


Ich frühstücke, packe zusammen und kurbel weiter Richtung Norden. Der Weg führt mich in großen Teilen über die wenig befahrene D-178 mit einer meist ähnlich "spiegelglatten" Asphaltdecke wie die der TF-28 auf Teneriffa.


Was für einen Unterschied das für's Vorankommen macht! Das ist neben dem schönen Wetter die positive Seite. Nervig ist meine springende Kette. Heute funktionieren einzelne Gänge nur in Ausnahmesituation unter etwas Last. Im Zweifelsfall muss ich immer ein paar Gänge zurück schalten und sehr "zärtlich" treten. Am Vormittag kaufe ich den ersten Satz Baguettes. Heute verkaufen Kinder vor den Boulangerien Blumen. Ein Mädchen frägt, ob ich welche haben möchte. Ich erkläre ihr, dass ich noch einen sehr weiten Weg nach Hause habe und die Blumen auf dem Rad bald sterben würden. Als ich mit den Baguettes in der Hand wieder vor den Laden trete, schenkt sie mir einen Stängel Maiglöckchen. Wie süß! 🤗


Die Landschaft ist der Wahnsinn. Fast jedes Dörfchen kann mit einer imposanten Kirche oder Schloss aufwarten. Dazu das Wetter! Ich denke wieder "alles ist gut, wenn die Sonne scheint". Ich könnte nie in Galicien leben 😅




Eigentlich habe ich mir vorgenommen, anders als gestern, mein Lager vor der Stadt aufzuschlagen, um nicht erst abends unter latentem Zeitdruck (Tageslicht) in der Stadt anzukommen. Also leg ich nochmal ne extra Pause ein. Bald werde ich aber ungeduldig. Es fällt mir nach wie vor schwer ohne wirklichen Bedarf zu pausieren, wenn ich noch so viele km vor mir habe. Außerdem scheint die Sonne 🙂 Also weiter.




Am frühen Abend erreiche ich Rennes. Auch hier, wie in Nantes, tolle Fahrradinfrastruktur. Ich bekomm immer stärker das Gefühl, dass man in anderen europäischen Ländern schon länger weiß, dass Autos und Innen- oder Altstädte kein geiler match sind. Das kann man drehen und wenden wie man will. Entsprechend fantastisch komm ich mit dem Rad durch die Stadt. Alle Einbahnstraßen dürfen von Rädern beidseitig genutzt werden. Selbst im Baustellenbereich wird der Radweg versetzt und temporär gegenüber der Straße mit Barken abgegrenzt. In Deutschland würde der Radweg in der gleichen Situation einfach kommentarlos vor der Baustelle enden. "Selbst schuld, Dummkopf! Was kommst Du auch mit dem Rad!" 😅 

Wir in D sind ja die Großmeister im Erhalten des status quo und Verwalten der Gegenwart. "Ich bin schon immer mit dem Auto zum Bäcker gefahren!" So einen vermeintlichen Luxus darf man den Leuten nicht wegnehmen (obwohl es ja in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung wäre). Zukunft vermeiden, so gut es geht. Bloß nicht zu viele Veränderungen, das verschreckt den Wähler. Aber das ist ein anderes Thema.

Rennes, was für eine tolle Stadt! Ist mir gleich sehr sympathisch. Ich picknicke vor der Oper. Eine Frau neben mir versucht ihren Hund aus dem Deckel ihrer Wasserflasche trinken zu lassen, was kläglich scheitert. Ich hab noch einen leeren Joghurtbecher von der letzten Pause bei mir und biete ihn ihr an. Sie ist ganz aus dem Häuschen und verabschiedet sich nachdem ihr Hund sitt ist mit "Au revoir, monsieur!" Es gefällt mir sehr gut, wie die Menschen hier in Frankreich miteinander umgehen. 

Nach meiner Pause gerate ich in eine Maifeier. Ich schiebe mein Rad durch eine zunehmend voller werdende Gasse. Ich denke an die TV-Werbung aus den 90ern, in der ein Typ das Gleiche tut und wenn er aus der Menge heraus getreten ist nur noch den Lenker in der Hand hat. Ein paar Leute wünschen mir beim Anblick meines nicht gerade handlichen Gefährts "bon courage" und lachen. Als dann irgendwann eine Bühne auftaucht, vor der es noch enger zugeht, drehe ich wieder um. In dieser Stadt war ich nicht zum letzten Mal!



Nach Norden geht's weiter. Vorgehen wie gestern: Suche nach dem erstbesten Schlafplatz. Das ist schwieriger als gestern. Alles Privatgrundstücke oder Felder, nur an den Grenzen zwischen den Feldern oder am Straßenrand stehen einzelne Bäume. Kein Wald, nicht mal ne Baumgruppe. Erst elf km außerhalb der Stadt finde ich etwas. Schon bevor das Zelt steht, sammel ich die ersten Zecken von mir runter. Dann finde ich noch in Vergessenheit geratenes Essen in einer meiner Fahrradtaschen. Guter Tag! 🙂



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