Lissabon 😍



Nach einer kühlen Nacht (9 Grad) kämpfen wir uns weiter nach Norden. Wieder haben wir Gegenwind, anders als vorhergesagt, und fahren im Wechsel im Windschatten. 

Auch anders als meine Fähre von Spanien nach Portugal erreichen wir die Fähre nach Setúbal punktgenau (ohne uns dessen bewusst zu sein). Die Dame am Ticket-Schalter war schon ganz aufgeregt: "come on! come on!" ☺️

Südlich der Stadt schlagen wir nochmal unsere Zelte auf. Ich freu mich darüber wie gut mein Desensibilisierungsprogramm funktioniert. Zu Beginn, bei meinen ersten Zeltnächten, hab ich mir schon Gedanken gemacht, wenn mich ein Spaziergänger im Wald entdeckt hat und jetzt seht, wo ich gelandet bin (manche würden vielleicht sagen "wie tief ich gesunken bin" 🤣).

  


Frisch geduscht aus dem Tejo 😅

Nächster Morgen, das letzte Stückchen, ca. 1,5 km, bis Lissabon. Unsere Fähre über den Tejo fährt stündlich, außer um 1000. Wir kommen um 0920 an 😅 Ja, stimmt, man hätte sich vorher erkundigen können, aber so macht's irgendwie mehr Spaß. Die Sonne scheint und wir machen es uns gemütlich.

Nördlich des Flusses trennen sich unsere Wege, Lara fährt weiter nach Santiago de Compostela, wo wir planen uns wieder zu treffen.

Anders, wieder alleine. Hatte mich schnell an Laras Begleitung gewöhnt. Ich fahre gemütlich durch die Stadt und am Nachmittag zu meinem Campingplatz. Dieser ist wegen der benachbarten Schnellstraße laut, aber dafür teuer. Das angepriesene Wifi existiert nur in Steinwurfweite um das Restau mit dem unfreundlichen Personal. Aber angesichts der Übernachtungsoptionen in der Stadt ist das hier vermutlich trotzdem keine schlechte Wahl.
 

Am nächsten Morgen möchte ich Wäsche waschen. Die Waschmaschinen sind direkt neben dem Restau. Erstmal vergesse ich Klamotten zum Waschen und muss nochmal zurück zum Zelt. Hunger habe ich! Ich stelle mir eine rotierende Trommel und einen gemütlichen Kaffee in der Morgensonne vor. Mit dem Kauf des Kaffees möchte ich mir auch Kleingeld besorgen, um die Waschmaschine zu versorgen. Das Restau hat, genau wie gestern Abend schon, kein Wechselgeld. Sie möchte den Kaffee passend bezahlt bekommen. Ich hab fast kein Kleingeld mehr. EC Karte erst ab 5€. Ich frage in eine größere Gruppe Jugendlicher, eine Art Studentenexkursion, ob sie mir einen Zwanni kleinmachen können. Nein, ihre Geldbeutel seien im Bungalow. Ich frage einen Vater, der mit seinen Söhnen frühstückt. Er kann mir wenigstens fast 20€ klein geben. Ein paar Cent fehlen auf 20€, ich akzeptiere den Deal. Dann bezahl ich pflichtbewusst zuerst (und in dem Fall dumm) meinen Kaffee, um dann vor der Waschmaschine festzustellen, dass ich anstatt des notwendigen 50-cent-Stücks nur noch 45 cent zusammen bekomme. Ein auch Wäsche waschender Schweizer kann mir nicht helfen, ich solle es bei der Rezeption versuchen. Ich schütte meinen Kaffee runter, weil ich ihn nicht kalt werden lassen will und lauf zur Rezeption, ob sie mir Geld wechseln können. Von den drei anwesenden Personen reagiert eine. Sie antwortet wie selbstverständlich es sei früh am Tag, natürlich habe sie kein Kleingeld. (Ich kann diesen Campingplatz wirklich nicht empfehlen!) Also wieder zurück zum Zelt, vorbei an der bereits seit einiger Zeit gefüllten, aber noch nicht rotierenden Trommel. Ich durchsuche meine Fahrradtaschen nach Geld und finde ein 50-cent-Stück, vermutlich Einkaufswagenpfand vom letzten Einkauf. Also wieder zur Wäscherei, Geld einwerfen, losgehts. Als die Maschine startet bin ich bereits eine Stunde wach.
 

Nachdem die Wäsche trocken ist, fahre ich in die Stadt. Ach, Lissabon! Ich fühl mich schon wieder sehr wohl. Ich besuche meine alte Wohnung (die dieses Mal leider nicht verfügbar war) und klappere ein Paar meiner Lieblingsplätze ab. Nach der zweiten Nacht verlängere ich den Campingplatz auf fünf Nächte. Ich treffe Hanna (aus Berlin) in der Stadt und João, den ich hier 2020 beim Wäsche-im-Park-trocknen kennen gelernt hab.
 

An meinem vorletzten Tag geh ich zum Barbier. Den Besuch hatte ich schon in der Algarve geplant, praktischerweise ist der Laden nicht weit von meinem Campingplatz. Der Inhaber ist jung, im Stil oldschool barber gekleidet und grüßt mich mit "Sir". Wir unterhalten uns sehr gut. 1,75 Stunden schneidet, kämmt, cremt, pudert, aftershaved, massiert er an mir rum. Ich hab keine Erfahrungen, aber so stell ich mir ein Spa-Wochenende vor. Seine Frau macht ein Zeitraffervideo und zum Schluß Bilder von uns beiden. Er schenkt mir einen Eimer Kokosöl und fragt, ob ich nicht Kleidung oder Schuhe für meine Reise brauche. Dann geht's ans Zahlen. Ich hab bis hierher noch nirgends auch nur einen Preis gesehen und bin im Angesicht der 1,75 Stunden fantastischen Service auf alles gefasst: 30€ möchte er haben. Ich gebe massiv Trinkgeld und verspreche ihm seinen Laden zu bewerben. Was ich hiermit tue. Wenn ihr männlichen Leser mal in Lissabon seid:  Barbiere Lisboa
Im Anschluss treffe ich Edgar, den ich von der Arbeit kenne. Er ist Portugiese, wohnt nördlich von Lissabon und ist erst kürzlich zurück ausgewandert. Wir kennen uns seit Jahren und sehen uns zum ersten Mal außerhalb des Labors.
 

Donnerstag, es geht los. Über Sintra fahre ich nach Norden. Meine Beine haben sich das Radfahren sehr schnell abgewöhnt. Der Wind bläst kalt von schräg vorne und ich komme nur mühsam voran. Nachdem ich mir am Mittag gar nicht sicher war, erreiche ich dann doch die Gegend, in der Edgar wohnt. Wir treffen uns nochmal in der Bar an seinem Lieblingsstrand. Bevor es dunkel wird, gibt er mir noch einen Schlafplatztipp in einer verlassenen Klosterruine. Wir verabschieden uns.

 



Nächster Morgen, ich bin gerade drei Minuten wach, hält Edgars Wagen vor der Ruine. Später finde ich raus, dass er mir schon eine Stunde zuvor geschrieben hatte. Er bringt Korrosionsschutz für meine Speichen mit und gibt mir noch ein Multifunktionsspray mit. Danke, Edgar! 🤗
 

Ich steig wieder in die Pedale. Genau wie gestern muss ich überraschend viel Höhe machen. Ich hatte mir die Küstengegend flacher vorgestellt. Anders als gestern hab ich Rückenwind und spüre deutlich, wie viel besser es läuft. War sehr abwechslungsreich heute: stark befahrene Straßen durch Gewerbegebiete wechseln sich mit kleinen Sträßchen durch verwaiste Dörfer ab, plus alles dazwischen. Es ist den ganzen Tag stark bewölkt und mit dem Wind grenzwertig kalt. Einer der Tage, an denen ich lieber weiterfahre, als frierend eine längere Pause zu machen. So gab es heute zwei kurze Stopps in Óbidos und Nazaré, wo die Wellen heute völlig durchschnittlich waren 😅

 


Am Nachmittag setzt leichter Regen ein. Ich schau nach überdachten Schlafplätzen und biege irgendwann in den Wald ab, nachdem ich keinen gefunden habe. Es regnet die ganze Nacht.

 



Kommentare

  1. Ingenieure halten zusammen: Korrosionsspray zum Frühstück :-))

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  2. Das ist ja cool, dass Du Edgar getroffen hast :D
    Und der Abschnitt mit Lara war sicherlich auch eine schöne Abwechslung.

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  3. Servus! Hab nicht gefunden wie man dir ne private Nachricht schreiben kann... Mein handy is kaputt, aber Santiago Plan steht noch!! Ich melde mich bald! LETS GOOOOOOO!!!!!!!
    Cheerio

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    1. Hey Cheerio! Gut zu wissen. Dachte schon "ooh, ich antworte nicht, bin busy!" 😂 Bin heute in Porto los, kuller dann die nächsten Tage nach Santiago 🤗

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