Die WG

Anfang des Jahres miete ich mir einen überteuerten Mietwagen und lasse mein Rad zwei Tage am Flughafen stehen - angeschlossen an dem Geländer, vor dem der Mietwagen stand. Anstatt der letztjährigen ca. 15€/Tag, ist mein bester Deal in 2022 69€/Tag - für einen Citroën C1! Gut, man muss auch an die Inflation denken 😅 Auf den Inseln scheint etwas vor sich zu gehen. Ich fahr auf einer mir noch nicht bekannten Strecke durch's Anaga-Gebirge im Nordosten der Insel. Nur in Ausnahmefällen kommt der dritte Gang zum Einsatz, ansonsten nur eins und zwei. Im Hinterkopf mach ich mir eine Notiz auf meiner Radtour-ToDo-Liste.


Zwei Tage drauf finde ich einen Zettel an meinem Rad, das kraftschlüssig von einem anderen Mietwagen zugeparkt wurde. Zum Befestigen des Zettels kam eine Wäscheklammer aus meiner sonst leeren Rahmentasche zum Einsatz: BEACHTEN SIE, DASS SIE AUF EINEM PRIVATEN PARKPLATZ GEPARKT HABEN. WENN SIE ES NICHT SO BALD WIE MÖGLICH ENTFERNEN, WIRD DER KRAN GERUFEN, UM ES ZU ENTFERNEN

 


Die Aktion hätte ich gerne gesehen!
Das Fahrrad auszuparken ähnelt dem Versuch Zahnpasta aus einer Tube zu drücken. Zum Glück wurde der Stahl beim Zuparken - so weit ich das auf die Schnelle beurteilen kann - nur unterhalb der Streckgrenze verformt. Die Räder drehen sich jedenfalls noch 😂

Auf meinem rückenwindgestützten Weg zurück in Richtung Südwesten und vorbei an der im Hafen von Santa Cruz liegenden Gorch Fock treffe ich unterwegs Patrick, den ich auf der Fähre kennen gelernt habe. Jetzt, nach einem Gespräch verstehe ich die suizidale Note seiner letzten Sprachnachricht: seine Freundin aus einer achtjährigen polyamoren Beziehung, die er zuletzt noch motiviert hatte sich nicht so sehr zurückzunehmen, was "Parallelbekanntschaften" angeht, hat ihn wegen des erstbesten Typen verlassen und plant bereits einen gemeinsamen Hauskauf. Zudem spuckt er Blut vom Apnoetauchen. Vermutlich nicht seine beste Woche.

Ich fahre weiter nach SW und ziehe in eine neue, von mir noch nicht getestete Höhle neben der TF-28 ein.
 



Da ich keine Eile und neue Bücher habe, bleibe ich gleich noch eine zweite Nacht. Dann geht's weiter nach El Médano. Erinnert ihr euch an Stefan und seine Mitbewohnerin? Jedenfalls hatte sie mich gefragt, ob ich in den zwei Wochen, bevor Stefan wieder aus Berlin zurück kommt, mit ihr die bereits gemietete Wohnung teilen will. Ich nehme das als Gelegenheit für eine Lebenserfahrung, bei der ich im schlimmsten Fall etwas lerne und ziehe ein. Dachgeschoss mit Dachterrasse, drei Zimmer, Strom, Wasser, WLAN, Bett. 1A.

In meinem Zimmer stehen genau genommen zwei Betten und eine IKEA-Kleiderstange auf Rollen. Das linke Bett wird zu meinem Regal, im rechten schlafe ich.
Sie, meine Mitbewohnerin, ist eine Person, die bewundernswert viel Wert auf hochwertige Nahrung legt. Auch die Zubereitung derselben ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern wird ihretwillen zelebriert und beansprucht ca. ein Drittel ihrer Wachzeit. Und zwar immer zu Technobeats, die aus ihrer batteriebetriebenen Box dröhnen und die parallel geführten Unterhaltungen unnötig anstrengend machen 😅 Morgens, mittags, abends: Techno. Immer. So ist sie, während ich bereits mehrere Scheiben Brot mit Käse, Kaffee, zwei Eier, Joghurt, Kaki und Banane zubereitet und gegessen habe, immernoch damit beschäftigt ihren opulenten Obstsalat, der gefühlt aus 29 verschiedenen Früchten besteht, zuzubereiten. Das Volumen ihrer Portionen lässt mich besonders im Kontrast zu ihrem sehr schlanken Äußeren anerkennend den imaginären Hut ziehen.

 


Wir führen gute Gespräche über alle möglichen Themen, grillen einen Abend mit ihren Freunden auf dem Dach oder gehen mit whatsapp-Gruppen-Bekanntschaften wandern.

 
Promising 😂
 
 

 




Noch während wir in den Bergen sind, setzt die Calima ein, der Sandsturm aus der Sahara. Nach unserer Runde bringt uns die etwas unsichere Fahrerin namens Sam über die Autobahn wieder nach Hause. Im dritten Gang, den Motor fast im Begrenzer fährt sie gut gelaunt der Sonne entgegen. Mein Maschinenbauerherz blutet 😄 Die Sonne wirkt wie eine Taschenlampe mit leeren Batterien und geht nicht hinterm Horizont, sondern weit darüber im Staub unter. Bis wir wieder zu Hause sind, wird die Luftqualität bereits als "hazardous" eingestuft.
An den "freien" Tagen 😀 treffe ich mich mit Silvia aus Italien, die mich letztes Jahr als Mitarbeiterin im Hostel empfangen hat und die seit Anfang des Jahres wieder auf der Insel ist. Die Zeit rennt mal wieder.
Die Calima-Situation hält eine Woche und vereitelt meine Schwimmpläne, weil die Temperaturen doch empfindlich gedämpft werden. Bei der Gelegenheit spüre ich, dass regelmäßiges Schwimmen-Gehen meine einzige Erwartung an meinen Aufentalt hier ist. Am siebten Tag sieht es wieder freundlicher aus und ich mach mich auf zu den Piscinas Naturales. Dort angekommen stelle ich fest, dass die Temperaturen zwar passen würden, aber die Wellen das Baden unmöglich machen.


die Leiter rechts führt eigentlich in ein Becken

 

Mein Fahrrad, der stille Hauptdarsteller dieses blogs, kann sich im Hausgang angeschlossen am Geländer ausruhen. Es wird nur für gelegentliche Einkäufe oder Strandausflüge benutzt. Eher zufällig merke ich, dass schon wieder eine Speiche gebrochen ist. Und zwar an dem Hinterrad, das zuletzt im April in Spanien gewechselt wurde. Nach nur neun Monaten ist das Gewinde an der Speiche "abgerostet". Die verbleibenden Speichen sehen optisch auch nur noch mittelfrisch aus. Das wird so ein Chinastahl sein...9% Schwefel oder so 😄 Aber die Geschichte geht erst los: ich suche einen Fahrradladen in meinem Kaff und fahre hin: Schaufenster mit Papier zugeklebt, geschlossen. Plan B ins Inselinnere ein paar Kilometer entfernt zum nächsten Laden: ebenfalls zugeklebt und geschlossen. Scheint hier zu laufen mit den Fahrradläden. Dann zum nicht weit entfernten Intersport: geöffnet, aber keine Radabteilung.
 

Silvia empfiehlt einen ihr bekannten Laden in Los Abrigos, wo sie wohnt. Ich fahre hin: geöffnet! - und bereit mir ein neues Laufrad zu bestellen. Ich berichte ihm von meinen schlechten Erfahrungen mit der aktuell montierten Qualität und bitte ihn -sofern möglich- etwas besseres zu bestellen. Alles klar, ich soll am Folgetag um 17 Uhr auftauchen.
Folgetag 17 Uhr, ich tauche auf: ich bin grad dabei mein Rad vor dem Laden abzustellen, kommt er schon rausgeprungen, "my friend!". Tatsächlich scheint es in Spanien 26" Laufräder nur von einem Hersteller zu geben, denn auch er hätte mir nur das anbieten können, was ich eigentlich nicht nochmal haben wollte. Er hat die Bestellung also gar nicht erst ausgeführt. Keine "Banf" 😅, kein Rad für mich. Period. Anstattdessen empfiehlt er mir zu Laden Nummer fünf zu fahren, um mir dort die einzelne Speiche ersetzen zu lassen. Ich versuche ihm schonend beizubringen, dass ich das im Angesicht der verbleibenden, stellenweise leicht rostbraunen Speichen für wenig zielführend halte. Auf einen weiteren "Bicycle day" (s. Mal was anderes) würde ich gerne verzichten! Dann winkt er mich in seinen Laden und bietet mir zwei verschiedene gebrauchte Mountainbikes zu einem "special price" an. 400€ das Stück. An sich sind das gute Fahrräder, keine Frage. In einer anderen Situation hätte ich vielleicht sogar eins genommen. Nur ist das hier und heute schlicht keine Option, wenn ich keine Gewinde zur Gepäckträgermontage habe. Will er nicht wahrhaben. Dann fängt er wieder an auf den Speichenersatz zu drängen... Ich verlasse den Laden und fahr nach Las Chafiras zu Nummer fünf.
Ich warte vor dem Laden bis ich mit Schwitzen aufgehört habe, bzw. bis sich keine Tropfen mehr ablösen und betrete ein geräumiges, gut sortiertes Fahrradgeschäft. Hoffnungsvoll nähere ich mich der Theke. Ein Mitarbeiter nimmt mich mit ins Lager und fängt an zu suchen. Nach ein paar Minuten zieht er ein mir optisch sehr vertrautes 26" Rad vom Haken. Ich denke "Friss oder Stirb" und nehme es. Die Montage macht er auch gleich, ich zahle und rolle mit neuem Hinterrad vom Hof. Bis BaWü wird das hoffentlich halten.

Kommentare

  1. Haha genial mein Freund. Wusste gar nicht, dass du jetzt der Klassensprecher einer Mädchenwandergruppe bist :-)) i like:-))

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