'ne Dusche wär' jetzt'n Trumpf
Weiter nach Agaete. Wenn man sich die fast kreisrunde Insel Gran Canaria als ein Ziffernblatt
vorstellt, hat mich die Fähre auf ein Uhr in Las Palmas an Land gespuckt. Ich habe vor von dort aus im Uhrzeigersinn nach Agaete zu fahren. Das liegt auf 11 Uhr. Meine Fahrt dorthin wird vom Verlauf der Spitze
des Minutenzeigers beschrieben. Zelten war ich zwischen drei und vier Uhr. Die vorletzte Nacht habe ich dann bei ca. sieben Uhr verbracht. Gestern morgen ging's dann weiter Richtung elf, um um kurz vor acht festzustellen, dass die Straße gesperrt ist.
Der Verkehr wird über die Autobahn umgeleitet. Ich überlege kurz... und
entschließe mich dann umzudrehen und entgegen des Uhrzeigersinns auf die
11 zu fahren. Wahnsinn. Eine Fähre, die sonst noch eine Option gewesen wäre, verkehrt coronabedingt momentan nicht. Nach ca. zwei Stunden komm ich an der Stelle vorbei, wo
ich morgens losgefahren bin und ich ahne was für ein Stück noch vor mir
liegt. Die Insel gibt's mir richtig: die letzten beiden Tage musste ich mehr als 2,5 km erklimmen.
Weiter nach Norden, an der zugigen Ostküste entlang. Wenn vor Dir ein
ganzes Bataillon Windräder steht und sie sich schnell gegen den
Uhrzeigersinn drehen, weißt Du, dass Du es mit Gegenwind zu tun hast. Zurück auf kurz vor drei Uhr gehe ich zum Decathlon auf der Suche nach neuen Pedalen. Erinnert ihr euch an den vermeintlichen Kurbellagerschaden kurz vor Lissabon? Hat sich rausgestellt, dass es das rechte Pedal war. Ist zwischenzeitlich nicht besser geworden und so gibt meine Kurbel Geräusche von sich, die das Maschinenbauerherz bluten lassen. Sie haben nur noch Kinderpedale. Gut, dann nehm ich wenigstens die Sattelgelauflage, die mir von Fabi wärmstens empfohlen wurde.
Eigenartige Gegend. Ich suche nach Schlafplätzen. Wiesen, die von einem Trampelpfad durchkreuzt werden, zwischen teils unbefestigten Straßen und Häusern, von denen man nie genau weiß, ob sie leerstehen oder bewohnt sind. Ein nach Karte angesteuerter "Campingplatz" ist einfach nur ein gekiester Parkplatz direkt neben der Straße, ein von google vorgeschlagener Platz ist nur zum dauerhaften Abstellen von Campern gedacht. Aber duschen hätte ich dort können - für'n Fünfer. Der spinnt wohl! 😂
Ich fahr weiter gegen den Uhrzeigersinn und weiß nicht so richtig, wo ich heute enden werde. Industriegebiet? Gewerbegebiet? Dubiose Wiese? Neben der Hauptstraße tut sich eine Art Wohngebiet auf, dessen Bau zwar begonnen, dann aber sofort abgebrochen wurde. Eine Hauptachse ist fertig asphaltiert, die ganzen Äste führen ins Leere. Dort, wo später Gebäude stehen sollen, sind Gruben ausgehoben, die von saftigem Grün bewachsen sind. Mein Rücken schreit "ja!". Zu einer dieser Gruben führt ein ebenso dicht bewachsener Pfad. Ich parke und baue mein Zelt auf. Scheint hier 'ne beliebte Abendspaziergang-Gegend zu sein. Es sind einige Menschen unterwegs.
Schon am Abend merke ich, wie die Pflanzen für sehr feuchte Luft sorgen. Meine kurz aufs Zelt gelegten Klamotten wirken richtig schwer. Auch den Schnaken gefällt es in der windgeschützten Grube. Zeitweise sehe ich fünf an meinem "Fenster". Ich bin erschöpft und schlafe kurz vor acht ein.
Kurz vor acht wache ich wieder auf. Das Zelt ist so nass wie schon lange nicht mehr. Als ich ihm beim Trocknen zuschaue, spricht mich eine Dame mittleren Alters an, Typ Peggy vom Plattenbau. Sie versucht mich mit viel Gestik drauf hinzuweisen, dass mich die Leute schon gesehen hätten bzw. dass man ein Auge auf mich hat. Sie zeigt jedenfalls auf ihr Auge und danach mit dem gleichen Finger im Halbkreis hinter sich. Jemand habe gar die Polizei gerufen. Ich glaub ihr kein Wort, danke aber für den Hinweis. Ich trockne weiter.
Der Rückweg ist ein anderer, als der den ich anfangs von Las Palmas aus genommen habe. Es geht schier endlos bergauf. Meine Klamotten sind schon wieder nass. Ich lege ab. Trotzdem bilden sich Salzstalakmiten auf meiner Oberrohrtasche.
Beim nächsten Decathlon auf ca. ein Uhr bekomme ich Pedale und den Hinweis, dass ich im Laden nebenan Schrauben bekommen könnte. Ich muss dringend, die SCHLITZschrauben (dass sowas heute noch hergestellt wird!) tauschen, die ich mir in Lissabon alternativlos gekauft habe, um den neuen Frontgepäckträger zu befestigen. Die Teile sind so minderwertig, dass man beim Festziehen den Kopf versaut und die Schraube dementsprechend spätestens nach zwei Tagen nachgezogen werden muss, was den Zustand des Kopfs nicht unbedingt verbessert. Hab in einem großen Sortiment an weiteren Schlitzschrauben aller Größen ein schönes Set Inbusschrauben gefunden, 5x20.
Es geht weiter bergauf. Auf einer Anhöhe bei 12 Uhr mache ich Pause neben einer Blumenwiese, die auch so irgendwo im Alpenvorland stehen könnte. Der Norden ist massiv grüner als der Süden. Ich trinke einen großen Teil meiner eben erworbenen Wasservorräte, esse Apfel und Käsebrote. Mein Fahrrad lehnt vor mir am Bürgersteig. Die neuen Pedale glänzen in der Sonne. Sieht komisch aus: das wirklich einzige Teil am Rad, das "shiny" ist.
Es geht nochmal ins Tal, um danach wieder über einen Berg zu führen. Das kleinste Kettenblatt ist hier wieder sehr populär! Es geht über eine außerordentlich schöne Serpentinenstraße unweit der Küste hoch in die Berge.
Die Aussicht lenkt mich erfolgreich von dem Widerstand ab, den mir die Kurbel bietet. Vor der Abfahrt ins nächste Tal mache ich nochmal Pause und recherchiere online nach Campingplätzen. Sieht mau aus in der Gegend. Ich glaube, so viel Lust auf Duschen hatte ich noch nie. Ich finde ein passendes Airbnb in Zielnähe. Mmh...duschen UND ein Bett? Ich buche zwei Nächte.
Am Hafen auf elf Uhr angekommen, erfahre ich entgegen der Info, die ich aus dem Netz habe, dass der Fährverkehr eingestellt ist. Das war der eigentliche Grund dafür hierher zu kommen. Ich muss fast lachen, weil mich die Insel dauernd hin- und herschickt. Beim Gedanken, das heute erklommene Höhenprofil also bald nochmal von hinten, also wieder im Uhrzeigersinn, nehmen zu dürfen, lässt mich kurz schlucken. Die Vorfreude auf die Dusche reißt mich bald aus den Gedanken. Ich steuere das Airbnb an. Die letzten 1,8 km für heute - natürlich bergauf.
Ich rolle mit dem Rad durch den überdachten Innenhof direkt in meine Wohnung, die durch eine Milchglasfront Richtung Hof abgetrennt ist. Völlig übertrieben, größer, als meine Wohnung in Stuttgart, Deckenhöhe integrieret doppelt so hoch (Stuttgart war unterm Dach), ich kann aus drei Betten in zwei Schlafzimmern auswählen und habe einen Balkon nach Westen - die richtige Balkonseite! (mein Stuttgarter Balkon ging nach Osten, von wo aus ich anhand des hellen, orange-rötlichen Glühens der gegenüberliegenden Häuser sagen konnte, dass die Abendsonne vermutlich scheint). Die ganze Butze kostet etwas mehr als Campen in München. Ich dusche!
Großartig. Danke für den schönen Bericht! Klingt alles brutal anstrengend, was bauen die auch so viele Berge auf ihre Insel. Und dann auch noch Wind. Übrigens habe ich neulich in einem Wissenschaftspodcast gelernt, dass praktisch alle Windräder in Europa falsch rum drehen. Anders rum wäre es vom Wirkungsgrad ein paar Prozent effizienter, zumindest auf der Nordhalbkugel. Das hat sich einfach mit der Zeit so eingebürgert und lässt sich jetzt aber nicht mehr ändern, weil halt alle Maschinenbauer sich drauf geeinigt haben. Blöd gelaufen.
AntwortenLöschenGut, dass du dir auch mal was gönnst. Sonnenuntergang über dem Atlantik ist mega. Genieß die Zeit und die Ruhe. Beste Grüße!