Zieleinfahrt
Am Morgen hat es heftigen Nebel. Ich zögere meine Vorbereitungen künstlich hinaus, in der Hoffnung, dass er sich etwas lichtet. Doch er bleibt und mit ihm das trübe Licht. Ich fahre weiter an der Landstraße, die bei Gegenverkehr nicht besonders viel Platz zwischen den LKW und mir bietet. Ich habe Lisas Stirnlampe um den Hals gehängt, sie leuchte nach hinten rot. Beim Geräusch der andonnernden LKW bereite ich mich manchmal gedanklich schon auf den Einschlag vor. Das ist heute mit Abstand das gefährlichste Stück der kompletten Tour gewesen. Noch kritischer, als morgens in Stuttgart mit dem Rad zur Arbeit 😅
Es sind noch knappe 80 km. Der Nebel hält sich beständig. Heute tropft kein Schweiß, sondern Nebelkondensat von meiner Brille. Alles ist nass, als ob es regnen würde. Immerhin ist die Sonne schon aufgegangen - und gibt ihr Bestes.
Trotzdem ist mein rechter Daumen so taub, dass ich nicht mehr in der Lage bin, hinten aufs größere Ritzel zu schalten und den Handballen dazu nutzen muss. Ich fahre durch ein Gebiet, das an eine Moorlandschaft erinnert. Die Kühe stehen tief im Schlamm versunken auf den Feldern. Wenn ich's nicht besser wüsste, würde ich sagen: Reisfelder.
Im dichten Nebel komme ich auf die Ponte Marechal Carmona nördlich der Stadt. Sie ist überraschend lang und ich bin froh, auf einem Gehweg fahren zu können. Die Autos jagen an mir vorbei, als ob es heller Sonnenschein wäre. Auf der anderen Seite biege ich ab Richtung Süden. In 2,5 Stunden startet die Ausgangssperre. Ich gehe einkaufen, was ich samstags eigentlich generell versuche zu vermeiden. Die Leute sind mir wegen des darauffolgenden Tages mit Konsumverzicht oftmals etwas zu hysterisch drauf. Aber hier kann man auch sonntags einkaufen. Eine lange Schlange hat sich vor dem Eingang gebildet. Ein Ampelsystem lässt Leute nur dann rein, wenn ein anderer Kunde gegangen ist. Erst drin merke ich, dass mein Nacken noch rot leuchtet 😅 Ich kaufe übertrieben viel Essen, plane zu kochen. Die Pizza in Frankreich ist schon was her. Mein Rucksack ist mit der Masse überfordert. Die Äpfel und eine Zwiebel muss ich in der Jacke verteilen. Weiter geht's. Ich spüre wie sich mein Rad unter der Last windet.
Die Gegend wird immer vertrauter, ich erinnere mich an Straßen und Plätze und fange an zu realisieren, was hier gerade im Begriff ist zu geschehen: ich bin mit dem Rad von Untertürkheim nach Lissabon gefahren. Jetzt muss ich wirklich vor Freude heulen.
Auf die letzten Kilometer, auf denen ich mich von Norden der Stadt nähere, wird es nochmal richtig anstrengend. Ich bin eh schon schwach und durchgeweicht, da hält mir die Stadt nochmal einen ordentlichen Südwind entgegen. Ich lehne mich auf den Lenker und fahre am Ufer des Rio Tejo entlang. Ich biege rechts ab in die Stadt und fahre eine steile, enge und natürlich gepflasterte Straße hoch. Es beginnt zu regnen. Ich hab noch original 3% Akku, weit weniger als alles bisher dagewesene auf der Tour.
Dann komme ich an mein Ziel. Nach ca. 2850 km und sechs Platten, knapp 1,4 Mio Umdrehungen meiner Räder und glücklicherweise nur einem leichten Sturz: der Praça Luís de Camões. Dieser Ort ist magisch für mich!
Auf diesem Platz habe ich Lisa kennengelernt. Max, Marc und ich hatten auf dem Weg nach Togo unseren Anschlussflug in Lissabon verpasst. Ich kannte und liebte die Stadt bereits und war nicht nur traurig, dass wir hier für 48 Std. gestrandet waren. Nach einem ausgiebigen Stadtspaziergang habe ich mich einer spontanen Laune folgend mitten auf diesen Platz gesetzt. Ich weiß nicht, ich finde Lissabon so schön, dass ich das Bedürfnis hatte mich auf den Boden zu setzen, vielleicht um mich von diesem Ort optisch "berieseln" zu lassen. Marc und Max gesellen sich dazu. Wir blieben dort und haben Getränke konsumiert 😊 Irgendwann haben sich Lisa und ihre Freundin, die aus Paris zu Besuch waren, zu uns gesetzt. Gut einen Monat später habe ich sie dann in Paris besucht.
Vielen Dank Euch für's Mitmachen! Ich hatte viel Spaß beim Schreiben und Kommentare lesen. Vielleicht werde ich das parallel entstandene Videotagebuch mal in Teilen veröffentlichen 🙈
Die Tour war das Beste, was ich jemals gemacht habe
Punkt.
Hi Patrick! Herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen Abschluss deiner Tour.
AntwortenLöschen"Ein Traum wird zum Ziel, wenn auf seine Verwirklichung hingearbeitet wird." - Bo Bennett
Mensch Pat, mein Freund, das ist wirklich toll, dass du nun am Ziel angekommen bist. Das freut mich immens. Nur schade, dass meine Abendlektüre nun entfällt. Ich hab mich dran gewöhnt. Die Freiheit, die deinen Tour-Berichten innewohnen, hat mich erreicht. Das hat mich mitgenommen. Diese Freiheit kam volles Rohr hier an. Danke. Und gut, dass alles gut ging. Kennzahl des Universums: 1,4 Mio. Umdrehungen.
AntwortenLöschenIn diesem Zuge viele Grüße auch an die Blog community. War mir eine Freude eure Kommentare zu Pats Berichten lesen. Ich mag euch, weil ihr den Patrick mögt.
Übrigens hat sich Juck Norris gemeldet. Er knipst offiziell gegen Pat ab. Es heißt jetzt: "Pat hat bis unendlich gezählt. 2x."
Vielleicht kommen ja noch paar ganz normale Urlaubsfotos. So Städtetrip mäßig:-))
Chapeau mein Freund.
AntwortenLöschenIch freue mich sehr zu sehen, dass du angekommen bist. Genieße etwas Ruhe bevor du die Hügel Lissabons auf ein neues erklimmst.
Habe heute tatsächlich mein Flugticket von besagten, verpassten Flug in den Händen gehalten. Und während ich deinen Post las, hat Anjel aus Togo geschrieben.
Pass weiterhin auf dich auf Bro. Luv.
GRATULATION!!! Hatte keine Minute Zweifel, dass DU es nicht schaffst.....ich freue mich sooo
AntwortenLöschenfür DICH!!" Das ist ein Erlebnis fürs Leben....gutes Erholen & und vielleicht sehen wir uns in Lissabon?Leb Dich mal ein...und erhole Dich und lass alles Revue passieren, das ist das BESTE!!
Schöne Tage....
Ich ziehe meinen Hut!!! Das ist einfach Wahnsinn in knapp einem Monat von UT nach Lissabon mit dem Rad! Genieße die Stadt und erhole dich! Mir werden deine täglichen Berichte fehlen! Du solltest sie wirklich veröffentlichen!!! Liebe Grüße Melanie
AntwortenLöschenHerrlich Pat! Du hast etwas ganz Großes getan.
AntwortenLöschenDanke, dass ich daran Teil haben durfte und schade, dass es „schon“ vorbei ist. Was hast du jetzt vor?
Mich würden noch mehr Lebensweisheiten interessieren, von einem der den Alltag hinter sich gelassen hat und mit Abstand auf unsere absurde Existenz blickt.
a la Ich benötige keine Gabel :)
Herzliche Grüße aus Gärtringen und weiterhin alles Gute!
Bon courage,
Thomas
Wow absolut mega! Wenn es einen Fahrrad-Cannonball von Stuttgart nach Lissabon geben würde, Du hättest sicherlich Anspruch auf den Platz ganz oben auf dem Treppchen! Verrückt, wie "unnormal" so eine Radtour in unserem Alltag wirkt, obwohl das eigentlich echt jeder machen kann und wie man sieht - gemessen an dem was man alles so besitzt - nicht besonders viel Equipment dazu nötig ist. Das soll natürlich in keinem Fall deinen eisenharten Willen und Kampfgeist schmälern der die Spreu vom Weizen trennt und den man auch nicht einfach kaufen kann. Deine Berichte waren absolut genial zu lesen, vor allem in der Homeoffice Zeit, in der sonst nicht sonderlich viel abenteuermäßiges passiert. Genieße deine Freiheit und gönn deinen beanspruchten Beinen sowie den wahrscheinlich immer noch rauchenden Kugellagern deines Fahrrads etwas Pause. Peace!
AntwortenLöschenSchwabmen isch an Scheiß dagega. Du bist mit Karacho nach Lissabon gedüst, Deine Leistung ist das Du mit exakt 4,0948 km/h in 29 Tagen ununterbrochenem Laufen von Ut nach Lissabon unterwegs warst oder bei 10 Stunden täglich radeln mit 9,827 km/h. Mon plus grand Respect. Das diese Reise jetzt zu Ende ist, muss ja nicht heissen das hier der Blog zu Ende sein muss? Tu comprends? Dein Denken und Deine Ansichten sind erfrischend und gaben zumindestens mir neue Anstöße mehr über das nachzudenken wie ich lebe.
AntwortenLöschenErhol Dich gut.
Vielleicht fährst Du ja mal wieder mit dem Rad irgendwo hin, Paris Dakar 🚴🏻♂️
Du hast es geschafft!
AntwortenLöschenIch bin absolut beeindruckt von dieser Leistung.
Ich wünsche dir jetzt in deiner Stadt viel Freude. Erhole dich von den Strapazen und lass es dir gut gehen.
Für die nächsten Etappen deiner Reise ohne Fahrrad wünsche ich dir alles Gute. Viel Spaß in Übersee.
Deine Berichte werden mir fehlen.
Wir freuen uns mit dir! Sehr. Ich wiederhole: ich liebe Deinen Blog.
AntwortenLöschenHe Pat, echt beeindruckend! Wie bei einer Serie oder einem guten Buch ist man am Ende fast wehmütig und hat den Protagonisten ins Herz geschlossen. Das Geile ist, dass das hier in Echt passiert und du der Patrick bist. 😅 Bin auf deine weitere Reise durchs Leben gespannt und hoffe, dabei ein Wegbegleiter sein zu dürfen. Luv geht raus.
AntwortenLöschenNoch was, normalerweise beinhaltet eine gute Patrick Geschichte nich nur Details zur Nahrungsaufnahme sondern auch zu nachgelagerten Verdauungsvorgängen. Alter, ich hoffe, damit ist alles in Ordnung und die unsanfte Dammmassage hat ebendies nicht beeinträchtigt. 😅
Ich aktualisiere immer wieder deinen Blog, aber es kommt einfach kein neuer Eintrag. Scheinst tatsächlich angekommen zu sein :-) unfassbare Leistung!! Die Erholung in Lissabon hast du dir mehr als verdient! Aber wenn ich das richtig sehe, kann man auf dieser Homepage auch mehrere Reisen bloggen.... Schließe mich Roland an und rege einen weiteren Abenteurertrip an. War sehr bereichernd deine Berichte zu lesen. Besten Dank!
AntwortenLöschenHerzlichen Glückwunsch und Chapeau - Du hast es geschafft und bist gesund und ibem Stück inklusive deinem Bike in deiner Stadt angekommen. 👏👏. By the way - Chapeau auch an dein Bike. 😉. Genieße die Zeit in Lissabon und gewöhne dich wieder an so scheinbar profane Dinge wie Duschen....
AntwortenLöschenDein Blog ist klasse. Und wie einige schon angemerkt würde auch ich dich gerne wiederauf eine neue Reise schicken nur um einen Blog wie diesem folgen zu können...😉
Viele Grüße Brandy 😎